Blumen – Gedichte – Maerchen

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Ein Schachspiel – Hermann Lingg

Ein Schachspiel.

Zwei mächtige Heere
Stehn dichtgereiht,
Mit blitzendem Speere
Zum Kampfe bereit.

Sie suchen, an Waffen
Und Zahl sich gleich,
An sich zu raffen
Das mächtige Reich.

Auch Centren und Flanken
Sind gleich gestellt ;
Denn nur Gedanken
Beherrschen die Welt.

Und Ordnung waltet
Auch über dem Spiel,
Und Alles gestaltet
Der Zweck und das Ziel.

Das Treffen beginnen
Die Schützen gewandt,
Mit klugem Ersinnen
Den Bogen gespannt.

Ertönet, Fanfaren !
Der König erscheint,
Und sein zu wahren
Ist Alles vereint.

Sogar die Holde,
Die Königin naht,
In Waffen von Golde,
Gerüstet zur That.

Sie nimmt von der Warte
Des Gegners in Acht,
Ergreift die Standarte,
Und stürzt in die Schlacht.

Beherzter als weise,
Versucht sie das Glück,
Zieht blutige Kreise,
Und weicht nicht zurück.

Der König indessen,
Erhaben und klug,
Verhält sich gemessen
Bei jedem Zug.

Er sieht die Getreuen
Vom Feinde bedroht,
Die nimmermehr scheuen
Gefahr und Tod.

Er waltet in Allen,
Und Alles beruht,
So Siegen als Fallen,
Auf seinem Muth.

Von Rossen und Wagen
Erdröhnt das Gefild,
Von Stoßen und Schlagen
Auf Helm und Schild.

Da schleppt man die Beuten !
Da donnert die Schlacht ! –
Die Felder bedeuten
Den Tag und die Nacht.

Das Gute, das Böse
Sind immer im Streit ;
Wer Sieger wird, löse
Das Räthsel – die Zeit.

O daß sie nie fehle,
Die wirkt und schafft,
Die denkende Seele,
Die geistige Kraft !

Daß stets sie siege,
Die hehre Macht !
Und ihr erliege
Begier, und Nacht !

Zu Hilfe, Trabanten !
Der König allein
Bekämpft Elephanten,
Der Feind bricht herein.

Es eilt, ihn zu decken,
Die Fürstin heran,
Unsägliche Schrecken !
Sie kann ihm nicht nahn.

Schon blickt, nach ihr stierend
Der Negerfürst auf,
Und spornt triumphirend
Die Seinen zum Lauf.

Da trifft unvermuthet
Ein Pfeil ihn von ihr,
Und neben ihm blutet
Sein erster Wessir.

Der beste der Streiter
Sinkt neben ihm hin,
Und wieder ein Reiter –
Wohin nun entfliehn ?

Er kommt ins Gedränge,
Und immer mehr
Treibt in die Enge
Das feindliche Heer.

Wohin er sich wendet,
Trifft Schlag auf Schlag,
Und nimmermehr endet
Der blutige Tag.

Unsonst sich zu retten
Versuchte der Mohr ;
Man schleppt ihn in Ketten
Dem Gegner vor.

Der spricht zum Erlegten,
Indeß vor ihm hin
Die Sklaven schon legten
Das Polster zum Knie’n :

Hier finde, Verbrecher !
Dein Urtheil statt,
Doch leer’ erst den Becher,
Ich seh’, du bist matt.

Da greift der Verlorne
Den Turban an,
Und seufzt : o Verschworne,
War das euer Plan !

Ich wurde verrathen
Durch List und Trug,
Ach, leider nach Thaten,
Mehr glänzend als klug.

Und all meine Krieger
Bedecken das Feld ;
Für mich, o Sieger,
Nimm Lösegeld !

Neig’, gnädig im Glücke,
Dein Angesicht,
Vergiß der Tücke
Des Schicksals nicht !

Bedenke, wie Vieles,
Das mächtig besteht,
Gleich Freuden des Spieles,
So flüchtig vergeht.

Hermann Lingg (1820 – 1905)
Aus Gedichte von Hermann Lingg.
Zweiter Band. 1869.
4. Alterthümer.

 

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24. Juni 2018 - Posted by | — — — 4. Altertuemer, — — Gedichte. 2. Bd. 1869, — Lingg Hermann, Dichter | ,

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